Kita-Schließung in Nottuln: Die Zahlen, das Verfahren, die offenen Fragen
Im Ortsteil Nottuln sollen drei bis vier Kita-Gruppen wegfallen - zuerst sollte die Liebfrauen-Kita ganz auslaufen. Eine Einordnung mit den Zahlen des Kreisjugendamts, der Vorgeschichte und den offenen Fragen.
Die Gemeinde Nottuln und das Kreisjugendamt Coesfeld wollen Betreuungsplätze abbauen, weil die Zahl der Kindergartenkinder sinkt. Eine Verwaltungsvorlage vom Juni 2026 sah vor, dafür die katholische Liebfrauen-Kita ab dem Kindergartenjahr 2027/28 "auslaufen" zu lassen (Vorlage 082/2026). Der zuständige Ausschuss hat diesen Beschluss am 10. Juni einstimmig geändert: Statt einer festgelegten Kita geht es jetzt um "drei bis vier Gruppen im Ortsteil Nottuln", über die mit allen Trägern gemeinsam entschieden werden soll. Am 7. Juli hat der Rat den Verwaltungsvorschlag nicht bestätigt: Er lehnte das "Auslaufen" ab und beschloss einstimmig (33 Ja, 0 Nein, 0 Enthaltungen) einen Antrag der CDU, wonach alle Kita-Träger, der Kreis Coesfeld und die Gemeinde bis September gemeinsam und ergebnisoffen nach einer Lösung suchen (Niederschrift der Ratssitzung; Bericht: WN, 09.07.2026, S. 15).
Diese Dokumentation trägt zusammen, was belegt ist, wie es dazu kam und was strittig ist. Sie wird fortgeschrieben.
Kurz gefasst:
- Die Zahl der Kindergartenkinder in Nottuln sinkt laut Kreisjugendamt im zweiten Jahr in Folge um mehr als 60 Kinder; in allen Ortsteilen gibt es freie Plätze.
- Die Verwaltung wollte deshalb die Liebfrauen-Kita ab 2027/28 auslaufen lassen. Der Träger, die katholische Kirchengemeinde St. Martin, will die Einrichtung fortführen und widerspricht der Begründung.
- Der Ausschuss hat die Vorlage einstimmig entschärft: Drei bis vier Gruppen im Ortsteil Nottuln sollen wegfallen, die Lösung soll einvernehmlich mit allen Trägern gefunden werden.
- Am 7. Juli hat der Rat den Verwaltungsvorschlag abgelehnt und einstimmig (33:0:0) beschlossen, dass alle Träger, der Kreis und die Gemeinde bis September gemeinsam nach einer Lösung suchen; bis dahin sollen die Träger nicht weiter in die Gebäude investieren (Niederschrift; WN, 09.07.2026, S. 15).
- Strittig ist vor allem, warum es die Liebfrauen-Kita treffen sollte - und ob der Rückgang absehbar war, während die Gemeinde noch neue Kitas baute.
Die Kita-Landschaft
Im Gemeindegebiet gibt es 14 Kindertageseinrichtungen mit vier Trägergruppen; neun davon liegen im Ortsteil Nottuln, um den es bei den Schließungsplänen geht. Eine fünfzehnte, der Alte Kindergarten am Kastanienplatz (DRK), schließt bereits zum 31. Juli 2026.
Was geplant ist
Grundlage der Debatte ist der Kindergartenbedarfsplan 2026/2027 des Kreisjugendamts Coesfeld (Anlage 1 der Vorlage 031/2026, 57 Seiten). Für Nottuln stellt er fest: Die Zahl der Kinder im Kindergartenalter sinkt "im zweiten Jahr in Folge um mehr als 60 Kinder", weil zahlenmäßig schwache Jahrgänge nachrücken, während starke Jahrgänge in die Schule wechseln. Zusätzlich sinken die Anmeldequoten (u3: 44,99 Prozent, ü3: 98,32 Prozent). In allen Ortsteilen stehen freie Plätze zur Verfügung. Zwei Kapazitäten fallen bereits weg: Der Alte Kindergarten (DRK) stellt den Betrieb zum Ende des Kita-Jahres 25/26 ein, und die U3-Zusatzgruppe der Kita St. Josef in Appelhülsen (Außenstelle Haus Würtem) wird nicht mehr gebraucht.
Die Verwaltung schlug daraufhin in der Vorlage 082/2026 vor, die Liebfrauen-Kita "abgestimmt auslaufen" zu lassen - beginnend mit dem Kindergartenjahr 2027/28. Der Träger hatte dem nicht zugestimmt. Nach Protest (dazu unten) änderte der Ausschuss für Bildung und Soziales den Beschluss am 10. Juni einstimmig (11:0:0): Festgehalten wird jetzt die Notwendigkeit, "drei bis vier Gruppen im Ortsteil Nottuln" in den nächsten Jahren zu schließen; die Gemeinde soll mit dem Kreisjugendamt und allen Trägern "nach einer einvernehmlichen Lösung" suchen und bis zur nächsten Ratssitzung berichten. Der Beschluss gibt den Fraktionen ausdrücklich Zeit, bis dahin "auch nichtöffentliche Informationen (Aussagen zu Investitionskosten, Mietverträge, Personal) zu erhalten" und eigene Gespräche mit den Trägern zu führen (Niederschrift der Ausschusssitzung; Tagesordnungspunkt A 6.1 der Ratssitzung vom 7. Juli).
Zeitleiste
2019/2020
Die Verwaltung spricht vom "als dramatisch zu bezeichnenden Anstieg des Betreuungsbedarfes"; trotz neuer Kitas fehlen Plätze. Vorlage 006/2020 (SessionNet)
02.12.2020
Im Ortskern drohen rund 30 Kinder ohne Betreuungsplatz; Container-Module auf der Gemeindewiese müssen in Betrieb bleiben. Vorlage 175/2020 (SessionNet)
Ende 2021
Die Kreisjugendamts-Prognose bis 2025/26 "bestätigt", dass im Ortsteil Nottuln eine weitere viergruppige Kita nötig wird. Der Ausschuss beauftragt die Verwaltung, sie zu realisieren - daraus wird der Hummelbach-Neubau. Die Prognose des Kreisjugendamts (Ausschuss 15.09.2021) erwartet für den Ortskern einen von zwei auf vier Gruppen steigenden Zusatzbedarf - unter der Annahme wachsenden Zuzugs durch neues Bauland. Vorlage 108/2021 (SessionNet)
10.03.2022
Der Kreis-Bedarfsplan 2022/23: Die Kinderzahl "steigt auch im Kindergartenjahr 2022/23 weiter an", in Appelhülsen sind "massive Überbelegungen" eingeplant. Für 2023/24 prognostiziert er im Ortskern 379 Kinder von 3 bis 6 Jahren - es wurden 404. Kindergartenbedarfsplan 2022/23 (Kreis-SessionNet, PDF)
13.03.2023
Der Kreis-Bedarfsplan 2023/24: "Erstmals seit Jahren" steigt die Kinderzahl "nicht weiter an" - Stagnation, kein Rückgang; Appelhülsen weiter überbelegt. Der Hummelbach-Neubau soll 2024/25 bezugsfertig sein; die Übergangsräume der Kita werden danach für den Offenen Ganztag der Schule gebraucht. Kindergartenbedarfsplan 2023/24 (Kreis-SessionNet, PDF)
Herbst 2023
"Besonders gestiegener Bedarf" in Appelhülsen, "erhebliche Überbelegungen" - die Planung geht weiter von Wachstum aus. Vorlage 167/2023 (SessionNet)
11.03.2024
Der Kreis-Bedarfsplan 2024/25: Die Kinderzahl im Kindergartenalter verändert sich in Nottuln "nur minimal gegenüber dem Vorjahr"; im Ortsteil Nottuln steigt die Zahl der 1-Jährigen "im Vergleich zum schwachen Vorjahr wieder", die Überbelegungen bleiben in Appelhülsen (u3-Anmeldequote 49,16 %). Für die Kita Hummelbach steht der Umzug in den viergruppigen Neubau an der Gemeindewiese an. Kindergartenbedarfsplan 2024/25 (Kreis-SessionNet, PDF)
19.11.2024
In den Etatberatungen streicht der Ausschuss für Planen und Bauen einstimmig (11:0:0) die Erweiterung der im Bau befindlichen Kita Hummelbach um zwei Gruppen (2,1 Millionen Euro) - "aufgrund der Bedarfsberechnung des Kreisjugendamtes". Der Kreis-Sachstandsbericht 25/26 weist für Nottuln nur noch geringen Zusatzbedarf aus (Ortskern rund eine Gruppe); die neu geplante Kita in Appelhülsen solle das laut Verwaltung auffangen. Niederschrift Ausschuss für Planen und Bauen 19.11.2024 (SessionNet, PDF)
Februar 2025
Das DRK kündigt an, den Alten Kindergarten (zwei Gruppen, Kastanienplatz) aus wirtschaftlichen Gründen zum 31.07.2026 zu schließen (WN, 22.03.2025, S. 15).
13.03.2025
Der Kreis-Bedarfsplan 2025/26 weist erstmals den Rückgang aus: Die Kinderzahl sinkt "insgesamt deutlich um mehr als 60 Kinder gegenüber dem Vorjahr", "besonders stark" gehen die 1-Jährigen "im Ortskern und in Appelhülsen" zurück. Die Überbelegungen in Appelhülsen können abgebaut werden (u3-Anmeldequote 51,44 %). Kindergartenbedarfsplan 2025/26 (Kreis-SessionNet, PDF)
04.06.2025
Das Kreisjugendamt stellt dem Ausschuss die Bedarfsprognose bis 2029/30 vor. Fazit damals wörtlich: Überhang von 1,8 bis 4,1 Gruppen erwartet; die Aufgabe des Alten Kindergartens "entspricht dem erwarteten Bedarf. Es besteht kein Bedarf für einen Ersatz." Eine weitere Schließung nennt die Prognose nicht. Anlage zur Niederschrift, Ausschuss Bildung und Soziales (SessionNet, PDF)
08.07.2025
Der Rat lehnt mit den Stimmen von CDU, FDP und Bürgermeister weitere Gespräche über neue Träger für den Alten Kindergarten ab (15:12 bei 2 Enthaltungen) - Begründung: eine zwischenzeitlich eingetroffene Kreisjugendamts-Prognose stark rückläufiger Kinderzahlen. Grüne, SPD, UBG und Ratsfrau Brigitte Kleinschmidt wollten die Trägersuche fortsetzen und zweifelten die Verlässlichkeit der Prognose an (WN, 10.07.2025, S. 13).
24.10.2025
Die neue DRK-Kita Hummelbach wird offiziell eröffnet: vier Gruppen, 64 Kinder, unter dem Budget von 3,7 Millionen Euro. Der Neubau ersetzt provisorische Container und Übergangsräume (WN, 27.10.2025).
18.03.2026
Der Kindergartenbedarfsplan 2026/27 liegt vor: sinkende Kinderzahlen im zweiten Jahr in Folge, freie Plätze in allen Ortsteilen. Vorlage 031/2026 (SessionNet)
Anfang Juni 2026
Die Verwaltungsvorlage "Abgestimmtes Auslaufen des Katholischen Liebfrauenkindergartens" wird öffentlich - ohne Zustimmung des Trägers. Vorlage 082/2026 (SessionNet)
10.06.2026
Mahnwache von rund 50 Eltern und Erziehern vor dem Ausschuss für Bildung und Soziales (WN, 12.06.2026, S. 1+17). Der Ausschuss ändert den Beschluss einstimmig (11:0:0, alle Fraktionen vertreten): drei bis vier Gruppen im Ortsteil Nottuln, einvernehmliche Lösung mit allen Trägern (Niederschrift).
13.06.2026
Der Träger wehrt sich: Der Kirchenvorstand von St. Martin hat beschlossen, die Kita fortzuführen - "ausdrücklich entgegen den Planungen der Verwaltung" (WN, 13.06.2026, S. 18).
07.07.2026
Rund 130 Eltern, Erzieher und Unterstützer protestieren mit Trillerpfeifen vor der Sitzung. Der Rat lehnt den Verwaltungsvorschlag ab und beschließt einstimmig (33 Ja, 0 Nein, 0 Enthaltungen) einen CDU-Antrag: Der Kreis Coesfeld soll die nach aktueller Bedarfsprognose nötige Anpassung des Platzangebots (derzeit rund vier Gruppen) in enger Abstimmung mit den Trägern und der Gemeinde umsetzen; bis zu einer Entscheidung des Kreis-Jugendhilfeausschusses sollen die Träger nicht weiter in die Gebäude investieren (Niederschrift; WN, 09.07.2026, S. 15). Niederschrift der Ratssitzung (SessionNet, PDF); WN, 09.07.2026, S. 15
18.07.2026
Der Alte Kindergarten (DRK) am Kastanienplatz verabschiedet sich mit einem Abschiedsfest; zum 31. Juli endet der Betrieb, den das DRK seit 1995 führte. Alle 28 Kinder und das elfköpfige Team haben Plätze beziehungsweise Stellen in anderen Einrichtungen gefunden. DRK-Vorstand Christoph Schlütermann nennt als Grund die sinkenden Kinderzahlen: "Nicht besetzte Plätze bekommen wir nicht refinanziert." Der Bericht hält fest, die Prognosen hätten sich bestätigt und in Nottuln müssten weitere Betreuungsplätze abgebaut werden. In dem Fachwerkhaus war ursprünglich die katholische Liebfrauen-Kita untergebracht, bevor sie an ihren heutigen Standort umzog.
24.07.2026
Für den Alten Kindergarten (Kastanienplatz 11) beginnt die konkrete Umnutzung: Die Gemeinde legt den Entwurf der 7. Änderung des Bebauungsplans Nr. 68 "Stiftsgärten" öffentlich aus (24.07. bis 25.08.2026, Beteiligung nach § 3 Abs. 2 BauGB im beschleunigten Verfahren nach § 13a BauGB, ohne Umweltprüfung). Ziel ist, das Bestandsgebäude von der Nutzung als Kindertagesstätte in eine "Verwaltungs- und Gemeinbedarfseinrichtung" umzuwidmen. Stellungnahmen sind bis zum 25.08.2026 möglich (online unter o-sp.de/nottuln oder an info@nottuln.de). Amtsblatt der Gemeinde Nottuln Nr. 10/2026, S. 84-85
Kita-Jahr 2027/28
Ursprünglich vorgesehener Beginn des "Auslaufens" laut Vorlage; wie es nach dem geänderten Beschluss weitergeht, sollen die Trägergespräche klären.
Die belegten Fakten
Der Platzüberhang ist amtlich dokumentiert. Der Kindergartenbedarfsplan 2026/27 des Kreisjugendamts weist für Nottuln sinkende Kinderzahlen (zweites Jahr in Folge minus 60+) und freie Plätze in allen Ortsteilen aus. Der Rückgang bei den Anmeldequoten konzentriert sich laut Plan "insbesondere in den drei Ortsteilen Appelhülsen, Darup und Schapdetten" - also nicht im Ortskern, wo die Liebfrauen-Kita steht. In Schapdetten ist die Anpassung schon da: Die Kita St. Bonifatius geht von vier auf drei Gruppen (64 auf 52 Plätze) zurück.
Warum die Kinderzahl sinkt. Der Plan begründet die sinkende Kinderzahl mit dem Kohorten-Wechsel: "zahlenmäßig deutlich schwächere Jahrgänge" wachsen ins Kindergartenalter hinein, während starke Jahrgänge zur Schule wechseln. Die Grundannahmen der Kreis-Prognose (Stand Juni 2025, S. 2) rechnen für den Ortskern sogar mit um ein Viertel erhöhten Wanderungssalden - der prognostizierte Rückgang entsteht also trotz eingeplanten Zuzugs. Sichtbar ist der Knick bei den Jüngsten: Die Zahl der 1-Jährigen im Ortskern lag jahrelang zwischen 96 und 134, ab 2025/26 bei 88 und 85 (Plan 26/27, S. 30). Dazu kommt das Anmeldeverhalten: Die u3-Anmeldequote sank binnen eines Jahres auf 44,99 Prozent (zur Verteilung auf die Ortsteile siehe oben).
Anmeldezahlen der Liebfrauen-Kita: Was der Bedarfsplan zeigt. Die Vorlage 082/2026 begründet die Auswahl unter anderem damit, die Kita habe im Anmeldeverfahren 2026/27 zu wenige Anmeldungen vorgewiesen, weshalb die Platzzahl auf 65 sinke. Die Platzzahl 65 stimmt. Der Bedarfsplan des Kreises (S. 32) zeigt zugleich: Die Gruppenanteile der Kita steigen von 4,0 auf 4,2, und die Belegung wird jünger und ganztägiger - 22 der 65 Plätze sind U3-Plätze, 30 der 43 Ü3-Plätze sind 45-Stunden-Buchungen. Nach der KiBiz-Systematik bedeutet eine solche Struktur weniger Plätze je Gruppe; eine sinkende Platzzahl kann also auch ohne Nachfragemangel entstehen. Der Elternbeirat beziffert die aktuell freien Plätze auf vier (WN, 07.07.2026).
Der Träger hat investiert. Die stellvertretende Kirchenvorstandsvorsitzende Kathrin Boor: "Bereits im vergangenen Jahr haben wir eine sechsstellige Summe in die Sanierung des Gebäudes sowie des Außengeländes investiert" (WN, 13.06.2026, S. 18). Die Vorlage 082/2026 führt umgekehrt an, die räumlichen Strukturen entsprächen "nur noch eingeschränkt" heutigen Erwartungen - einen Beleg dafür enthält sie nicht (Anlagen: keine).
Was die Bedarfspläne jeweils vorhersagten - und was kam. Die jährlichen Kindergartenbedarfspläne des Kreisjugendamts sind öffentlich (Jugendhilfeausschuss des Kreises, jeweils März). Sie erlauben den direkten Vergleich zwischen damaliger Prognose und heutiger Realität:
| Stand | Aussage des Plans für Nottuln | Aus heutiger Sicht |
|---|---|---|
| März 2022 (Plan 22/23, S. 30 ff.) | Kinderzahl "steigt auch im Kindergartenjahr 2022/23 weiter an"; Appelhülsen: "massive Überbelegungen"; für 2023/24 werden im Ortskern 379 Kinder (3-6 Jahre) erwartet | Es wurden 404 - die Prognose lag um 25 Kinder zu niedrig |
| März 2023 (Plan 23/24, S. 33) | "Erstmals seit Jahren" steigt die Kinderzahl "nicht weiter an"; Appelhülsen weiter überbelegt | Stagnation auf dem Höchststand, noch kein Rückgang erkennbar |
| März 2024 (Plan 24/25, S. 34) | Kinderzahl "nur minimal gegenüber dem Vorjahr" verändert; im Ortsteil Nottuln steigt die Zahl der 1-Jährigen "wieder", Überbelegung weiter in Appelhülsen; u3-Anmeldequote 49,16 % | Im Ortskern noch kein Rückgang angelegt - die 1-Jährigen stiegen dort zuletzt wieder |
| März 2025 (Plan 25/26, S. 34) | Kinderzahl sinkt "insgesamt deutlich um mehr als 60 Kinder gegenüber dem Vorjahr"; "besonders stark" gehen die 1-Jährigen "im Ortskern und in Appelhülsen" zurück; u3-Anmeldequote 51,44 % | Erster Bedarfsplan, der den Rückgang ausweist; die "mehr als 60" wiederholen sich im Plan 26/27 |
| Juni 2025 (Ausschuss-Anlage, S. 5) | Überhang 1,8 bis 4,1 Gruppen; die Aufgabe des Alten Kindergartens "entspricht dem erwarteten Bedarf. Es besteht kein Bedarf für einen Ersatz."; für 2026/27 werden im Ortskern 403 Kinder (3-6 Jahre) prognostiziert | Neun Monate später weist der Plan 377 aus, und aus "Alter Kindergarten reicht" wurde "drei bis vier Gruppen zusätzlich" - dazwischen lag das Anmeldeverfahren mit deutlich gesunkenen Quoten |
| März 2026 (Plan 26/27, S. 30-34) | Kinderzahl sinkt "im zweiten Jahr in Folge um mehr als 60 Kinder"; freie Plätze in allen Ortsteilen | Der Rückgang ist da - sichtbar wurde er in den Plänen ab dem Kita-Jahr 25/26 |
Die Kinder von 3 bis 6 Jahren - die Altersgruppe, die den Großteil der Plätze belegt - erreichten im Ortskern ihren Höchststand im Kita-Jahr 2023/24 (404) und gemeindeweit 2024/25; erst danach sinken die Zahlen, für 2027/28 prognostiziert der aktuelle Plan im Ortskern 329 (Plan 26/27, S. 30). Zur Einordnung der Treffsicherheit: Auf ein Jahr voraus lagen die jüngsten Pläne nur zwei bis drei Kinder daneben - die großen Abweichungen entstehen bei längeren Horizonten, weil Zuzug und Anmeldeverhalten nicht vorhersehbar sind.
Der neue Bebauungsplan hält die Option für eine weitere Kita offen. Der am 16.12.2025 als Satzung beschlossene Bebauungsplan Nr. 161 "Niederstockumer Weg" (Vorlage 175/2022/4) sieht in seiner beschlossenen Begründung "im zentralen Bereich des Quartiers eine viergruppige Kita für ca. 85 Kinder" vor. Ein Baubeschluss ist das nicht: Der Bebauungsplan schafft die planungsrechtliche Möglichkeit, die Fläche so zu nutzen - ob dort je eine Kita entsteht oder die Fläche anders genutzt wird, ist damit nicht entschieden. Die Gemeinde hält sich die Option für den Fall wieder steigender Kinderzahlen offen; beschlossen wurde sie im Dezember 2025, als die Kreisprognose sinkender Kinderzahlen bereits vorlag (siehe Zeitleiste).
Das Gebäude gehört der Gemeinde. Anders als bei manchen anderen Einrichtungen ist die Gemeinde Vermieterin des Liebfrauen-Gebäudes. Zum ebenfalls gemeindeeigenen Alten Kindergarten (Kastanienplatz 11) läuft bereits die Umnutzungsplanung zum Verwaltungsstandort (Vorlage zur Nachnutzung; Teil des ISEK "Ortskern Nottuln 2036", siehe die ISEK-Dokumentation).
Die Trägerstruktur der katholischen Kitas ändert sich zum August 2027. Das Bistum Münster plant, seine 664 katholischen Kitas zum August 2027 in drei neue gemeinnützige Trägergesellschaften zu überführen, darunter eine gGmbH für die Kreise Borken, Coesfeld und Recklinghausen (Bistum Münster, 01.10.2025). Jede Kirchengemeinde muss dem Trägerwechsel zustimmen; lehnt sie ab, endet die finanzielle Unterstützung des Bistums nach einer Übergangszeit. Das für die Liebfrauen-Kita vorgeschlagene "Auslaufen ab dem Kindergartenjahr 2027/28" fiele zeitlich in diesen Übergang.
Die Positionen
Verwaltung und Kreis. Die Vorlage 082/2026 argumentiert systemisch: Das KiBiz sei "bereits unter normalen Bedingungen nur knapp auskömmlich"; werden dauerhaft mehr Plätze vorgehalten als nachgefragt, entstehen "für die Gesamtheit der Träger (kommunale, kirchliche, freie) strukturelle Defizite", weil es für unbesetzte Plätze "abgesehen von engen Ausnahmen (Planungsgarantie)" keine Betriebskostenförderung gibt, während die Fixkosten weiterlaufen. Die Prognose der Vorlage: ein Überhang von 3 Gruppen (2027/28) bis 5 Gruppen (2029/30 und 2030/31). Beim Perspektivgespräch Anfang 2026 seien allen Trägern "mögliche allgemeine Stellschrauben aufgezeigt" worden - "im Ergebnis sah sich kein Träger dazu bewegt, Gruppen zu reduzieren bzw. Kindertageseinrichtungen aufzugeben". Die Entscheidung betreffe "ausschließlich den Standort" und sei "ausdrücklich keine Entscheidung gegen den Träger". Zur Zuständigkeit sagte Gemeindeoberrechtsrat Stefan Kohaus im Ausschuss: "Die Entscheidung liegt gar nicht bei uns. Das macht der Kreis." (WN, 12.06.2026, S. 17)
Der Träger. Der Kirchenvorstand von St. Martin hat die Fortführung beschlossen. Boor kritisiert das Verfahren scharf: "Die Angaben in der Sitzungsvorlage entsprechen in wesentlichen Punkten nicht den Tatsachen oder sind zumindest einseitig und missverständlich formuliert." Es habe keine inhaltliche Abstimmung der Vorlage mit dem Träger gegeben, trotz mehrfacher Nachfrage sei keine rechtliche Grundlage genannt worden, und eine zweite Gesprächsrunde habe die Gemeinde im Januar selbst abgesagt. Das Scheitern der ursprünglichen Vorlage wertet sie als "Teilerfolg". (WN, 13.06.2026, S. 18)
Die Fraktionen. Im Ausschuss sprachen sich alle Fraktionen gegen die sofortige Umsetzung aus. Der geänderte Beschluss (drei bis vier Gruppen, alle Träger) geht auf einen CDU-Antrag (Dr. Andrea Quadt-Hallmann) zurück und fiel einstimmig. Lara Reiß (Grüne) und Kerstin Brabetz-Quante (SPD) regten einen Runden Tisch aller Kita-Träger an; Herr Kramer (UBG) fragte nach möglichen Fördermittel-Rückzahlungen. (WN, 12.06.2026, S. 17)
Die UBG. Am Vorabend der Ratssitzung stellte sich die UBG öffentlich gegen die Schließung (Facebook-Post und ubg-nottuln.de/liebfrauen-kita, 06.07.2026): Vieles spreche dafür, "dass das Vorhaben eine Fehlentscheidung ist". Sie führt sechs Argumente an - das KiBiz verlange Trägervielfalt und die Schließung gefährde "die Parität"; die Gebäudenutzung sei unklar; die Liebfrauen-Kita sei neben einer weiteren die letzte für das Einzugsgebiet Nord; ein Sanierungsstau sei "nicht vorhanden"; das KiBiz ermögliche "ausdrücklich einen einjährigen Überhang an Gruppen ohne finanzielle Nachteile"; und wer ein "nice-to-have in Form eines Bürgerforums" diskutiere, müsse ein "must-have wie den Liebfrauen-Kindergarten" erhalten können. Als Alternative schlägt sie vor, "in mehreren Kindergärten jeweils einzelne Gruppen temporär" zu verringern oder zu schließen. Zur Einordnung: Im Ausschuss am 10. Juni war die UBG mit einem sachkundigen Bürger vertreten; der geänderte Beschluss - einschließlich der festgehaltenen "Notwendigkeit", drei bis vier Gruppen im Ortsteil Nottuln zu schließen - fiel einstimmig mit 11:0:0 Stimmen (Niederschrift).
Die Eltern. Rund 50 Eltern und Erzieher hielten vor der Ausschusssitzung eine Mahnwache ab (WN, 12.06.2026). Der Elternbeirat der Liebfrauen-Kita mobilisiert seither öffentlich, unter anderem mit einer Protestaktion zur Ratssitzung am 7. Juli. Zur Vorlagen-Begründung sagt Carlotta Schoenaich-Carolath vom Elternbeirat: "Von mangelnder Nachfrage kann keine Rede sein" - derzeit seien lediglich vier Plätze frei, die reduzierte Platzzahl liege ausschließlich an den gesetzlichen Vorgaben, weil ungewöhnlich viele Familien eine 45-Stunden-Betreuung gebucht hätten. Die Kita habe zudem "gerade ein ganz neues natur- und religionspädagogisches Konzept entwickelt". Der Elternbeirat fordert den Rat auf, seine Entscheidung "auf vollständige und nachvollziehbare Fakten" zu stützen - und betont, es gehe nicht darum, Kindergärten gegeneinander auszuspielen: "Kinderbetreuung darf nicht zum Verliererspiel werden." (WN, 07.07.2026, S. 13)
Der Ratsbeschluss vom 7. Juli. Vor der Sitzung protestierten rund 130 Eltern, Erzieher und Unterstützer mit Trillerpfeifen. Der Rat folgte dem Verwaltungsvorschlag nicht, sondern beschloss einstimmig (33 Ja, 0 Nein, 0 Enthaltungen) einen Antrag der CDU: Alle Kita-Träger, der Kreis Coesfeld als zuständige Behörde und die Gemeinde sollen erneut zusammenkommen und bis zur September-Sitzung des Kreis-Jugendhilfeausschusses ergebnisoffen nach einer Lösung suchen; bis zu einer Entscheidung sollen die Träger keine weiteren Gebäude-Investitionen vornehmen. Der amtliche Beschlusstext in der Niederschrift der Ratssitzung bittet den Kreis Coesfeld, die nach der aktuellen Bedarfsprognose nötige Anpassung des Platzangebots - nach derzeitigem Stand eine Reduzierung um rund vier Gruppen - in enger Abstimmung mit den Trägern und der Gemeinde umzusetzen; offen bleibt darin, welche Gruppen oder Träger es am Ende trifft. CDU-Fraktionssprecherin Andrea Quadt-Hallmann betonte, die rückläufigen Kinderzahlen stünden nicht infrage, man komme aber möglicherweise zu keinem anderen Ergebnis. Der stellvertretende Bürgermeister Hartmut Rulle (CDU) kritisierte das Vorgehen von Bürgermeister Thönnes scharf: "So geht das nicht. Sie machen sich juristisch und persönlich sehr angreifbar." Es brauche ein geordnetes Verfahren und nachvollziehbare Kriterien. Pfarrdechant Norbert Caßens wertete den Beschluss als "Etappensieg"; der von der Kirchengemeinde eingeschaltete Rechtsanwalt habe den Kreis auf Formfehler hingewiesen, und auch das Bistum Münster habe bestätigt, dass der bisherige Weg so nicht funktioniere (WN, 09.07.2026, S. 15). In ihrer Protokollerklärung zur Ratssitzung nennt die UBG Fragen für die Trägergespräche; neu darin ist der Hinweis, dem Träger liege - laut dessen Stellungnahme vom 3. Juli - ein Bescheid des Kreises Coesfeld aus April 2026 über einen sechsstelligen Investitionskostenzuschuss für die Liebfrauen-Kita vor, also derselben Behörde, die die Schließung empfiehlt.
Die Streitpunkte
Warum die Liebfrauen-Kita? Das ist die Kernfrage. Die Vorlage nennt vier Auswahlkriterien: Das Gebäude gehört der Gemeinde (fällt bei Aufgabe an sie zurück und bleibt als Reserve verfügbar); die Kita habe im Anmeldeverfahren 2026/27 zu wenige Anmeldungen vorgewiesen; das Gebäude zähle "zu den ältesten Kita-Gebäuden im Gemeindegebiet" und entspreche räumlich "nur noch eingeschränkt" heutigen Erwartungen; und die Lage bilde die "heutigen Siedlungs- und Entwicklungsachsen der Gemeinde nur noch unzureichend" ab. Belege - etwa ein Gebäudegutachten - sind der Vorlage nicht beigefügt (Anlagen: keine). Und zwei der Kriterien stehen in Spannung zu anderen Befunden, teils aus der Vorlage selbst: Beim Anmelde-Argument räumt dieselbe Vorlage ein, dass die u3-Anmeldequote im Ortsteil Nottuln "nur leicht gesunken" ist und mit 50,35 Prozent über dem Jugendamtsdurchschnitt liegt - und der Bedarfsplan zeigt, dass die Gruppenanteile der Liebfrauen-Kita steigen (siehe oben); der Elternbeirat beziffert die aktuell freien Plätze auf vier (WN, 07.07.2026). Wichtig für die Einordnung: Hier werden drei verschiedene Zeitpunkte verhandelt. Die vier freien Plätze sind der Stand heute. Die Vorlage verweist auf das Anmeldeverfahren 2026/27, nach dem die Platzzahl "bereits zum 01.08.2026 durch Gruppenstrukturveränderung auf 65 Plätze (22 U3, 43 Ü3)" reduziert wird. Und der Überhang von drei bis fünf Gruppen ist die Prognose ab 2027/28, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge das Kindergartenalter erreichen. Alle drei Befunde können zugleich zutreffen. Bei der Gebäudekritik steht die belegte sechsstellige Sanierung des Trägers dagegen, und die UBG hält den Sanierungsstau für "nicht vorhanden". Beim Standort stehen sich zwei Lesarten gegenüber: Für die UBG ist die Kita neben einer weiteren die letzte im Einzugsgebiet Nord mit einzigartiger Naturnähe - für die Verwaltung liegt sie abseits der Entwicklungsachsen.
War der Rückgang absehbar? Die Zeitleiste und die Prognose-Tabelle oben zeigen: In den amtlichen Bedarfsplanungen von 2019 bis Frühjahr 2023 stand durchgehend Wachstum oder zuletzt Stagnation - dramatischer Anstieg, drohend unversorgte Kinder, Auftrag für eine weitere viergruppige Kita, "massive Überbelegungen". Die Prognose von 2022 unterschätzte die realen Zahlen sogar. Der Umschwung erscheint in den Planungen erst ab dem Kita-Jahr 25/26. Wie deutlich die Erwartung vorher nach oben zeigte, belegt die Prognose des Kreisjugendamts vom September 2021: Für den Ortskern projizierte sie einen von zwei auf vier Gruppen steigenden Zusatzbedarf und trug damit den Hummelbach-Neubau samt Erweiterungsoption. Die erste dokumentierte Absenkung dieser Erwartung ist der Kreis-Sachstandsbericht 25/26 vom November 2024, der für den Ortsteil Nottuln nur noch rund eine Gruppe Zusatzbedarf auswies. Auf dieser Grundlage strich der Ausschuss für Planen und Bauen am 19. November 2024 die Erweiterung der Kita Hummelbach um zwei Gruppen (2,1 Millionen Euro) aus dem Etat 2025 - laut Niederschrift "aufgrund der Bedarfsberechnung des Kreisjugendamtes". Angreifbar ist rückblickend vor allem die Prognose-Annahme von 2021, neue Baugebiete würden Zuzug bringen. Zur Frage, ob der Hummelbach-Neubau (bezogen Oktober 2025) noch zu stoppen gewesen wäre: Die Kita bestand seit August 2022 mit real betreuten Kindern in Provisorien (Module auf der Gemeindewiese, ab 2023 zusätzlich ein Übergangsbau an der St.-Martinus-Schule, dessen Räume für den Offenen Ganztag der Schule vorgesehen waren; WN 22.08.2022, 05.08.2023; Kreis-Bedarfsplan 23/24, S. 33). Ein Baustopp hätte die Zahl der Gruppen nicht verringert, sondern die Provisorien verlängert.
Verfahren und Transparenz. Der Träger wirft der Verwaltung vor, die Vorlage nicht abgestimmt, keine Rechtsgrundlage genannt und Gespräche abgesagt zu haben (WN, 13.06.2026). Die Verwaltung verweist auf die Zuständigkeit des Kreises. Welche Kriterien am Ende über die drei bis vier Gruppen entscheiden, ist bislang nicht veröffentlicht - das ist der Punkt, an dem die nun vereinbarten Trägergespräche ansetzen müssen. Auch die WN-Redaktion bewertet in einem Kommentar zum Ratsbeschluss nicht das Ob, sondern das Wie: Dass die Kinderzahlen zurückgingen, bestreite niemand, "die Frage war nie, ob gehandelt werden muss, sondern wie. Genau daran ist die Verwaltung gescheitert." Zwischen Verwaltung und Kirchengemeinde seien "Risse entstanden", Vertrauen sei verloren gegangen, "da wurde viel Porzellan zerschlagen" (WN-Kommentar, 09.07.2026, S. 15).
Reichen einzelne Gruppen statt einer ganzen Kita? Die UBG schlägt vor, "in mehreren Kindergärten jeweils einzelne Gruppen temporär" zu verringern, und beruft sich darauf, das KiBiz ermögliche "ausdrücklich einen einjährigen Überhang an Gruppen ohne finanzielle Nachteile". Die Vorlage beschreibt dieselbe Rechtslage enger: Für unbesetzte Plätze gebe es "abgesehen von engen Ausnahmen (Planungsgarantie)" keine Betriebskostenförderung, bei weiterlaufenden Fixkosten - dauerhafte Unterbelegung erzeuge Defizite "für die Gesamtheit der Träger". Welche Reichweite die Planungsgarantie (§ 41 KiBiz) genau hat, führen beide Seiten nicht aus. Dokumentiert ist der bisherige Verlauf: Beim Perspektivgespräch Anfang 2026 wurden laut Vorlage allen Trägern die Stellschrauben aufgezeigt, ohne dass sich ein Träger zu Gruppenreduzierungen bereitfand; kleinere Anpassungen laufen gleichwohl (St. Bonifatius Schapdetten 2026/27 von vier auf drei Gruppen, U3-Zusatzgruppe St. Josef entfällt). Der geänderte Beschluss vom 10. Juni macht die gruppenbezogene, einvernehmliche Lösung mit allen Trägern nun ausdrücklich zum Prüfauftrag - die UBG-Forderung deckt sich insoweit mit der bereits beschlossenen Prüflinie. Zur "Parität": Die UBG schreibt, das KiBiz "verlangt vielfältige Träger", die Schließung gefährde "die Parität". Im KiBiz-Gesetzestext kommt "Trägervielfalt" allerdings nur in einer Übergangsvorschrift zu ausgelaufenen Landeszuschüssen der Jahre 2017/18 und 2018/19 vor (§ 55 Abs. 4); die "Prinzipien der Pluralität" in § 54 betreffen Vereinbarungen des Landes mit den Spitzenverbänden, nicht die örtliche Bedarfsplanung. Der Grundsatz der Trägervielfalt steht im SGB VIII (§ 3); einen Anspruch auf eine bestimmte Zahl von Einrichtungen je Träger enthält keines der beiden Gesetze.
Hängen Kita und Bürgerforum finanziell zusammen? Die UBG verknüpft beides: Wer ein Bürgerforum diskutiere, müsse eine Kita erhalten können. Die Finanzierungswege sind allerdings getrennt: Der Kita-Betrieb läuft über das Kinderbildungsgesetz (Landes- und Kreismittel, gekoppelt an belegte Plätze), die Bedarfsplanung liegt beim Kreisjugendamt - die Verwaltung im Ausschuss: "Die Entscheidung liegt gar nicht bei uns. Das macht der Kreis." (WN, 12.06.2026, S. 17). Das Bürgerforum würde über die zweckgebundene Städtebauförderung des Landes finanziert (60 Prozent Förderquote, siehe ISEK-Dokumentation); diese Mittel stehen für Kita-Betriebskosten nicht zur Verfügung. Ein Verzicht auf das Bürgerforum änderte an der Zahl der Kinder im Ortsteil nichts. Berührungspunkte gibt es gleichwohl: Beide Projekte belasten denselben Gemeindehaushalt mit Eigenanteilen, und leerstehende Kita-Gruppen kosten die Gemeinde über bestehende Mietbindungen Geld. Ob man die Priorität wie die UBG setzt, ist eine politische Wertungsfrage.
Was passiert mit leeren Gebäuden? Die Vorlage nennt drei Optionen für die gemeindeeigene Immobilie: Zwischennutzung (kommunal, sozial, Vereine), "Reaktivierung als Kita-Standort", falls der Bedarf wieder steigt, oder Vermarktung als Baugrundstück, "sobald ausreichender Hochwasserschutz hergestellt ist". Die Gemeinde wahre so ihre Flexibilität. Beim Alten Kindergarten hat sie sich bereits für die Umnutzung als Verwaltungsstandort entschieden. Ob die Doppelrolle der Gemeinde (Eigentümerin, Mitplanerin und Interessentin für Nachnutzungen) die Standortauswahl beeinflusst, ist eine offene Frage der Debatte; belegt ist dazu nichts - die Vorlage führt das Eigentum als Flexibilitäts-Argument FÜR die Auswahl an.
Wie es anderswo läuft
Der Rückgang ist kein Nottulner Sonderfall. Derselbe Bedarfsplan stellt eingangs fest: Die Zahl der Kinder ist "bedingt durch eine niedrigere Geburtenrate und geringere Wanderungsgewinne in vielen Ortsteilen des Zuständigkeitsbereichs gesunken", weshalb für 2026/27 kreisweit "weniger Plätze eingeplant wurden als noch im Vorjahr" - die Anmeldequoten selbst liegen jugendamtsweit "auf einem insgesamt unverändert hohen Niveau" (ü3 98,50 Prozent, u3 46,07 Prozent; S. 3). In Lüdinghausen nimmt die DRK-Kita Höckenkamp im Kita-Jahr 26/27 "von sechs Gruppen nur vier in Betrieb", weil vor allem im u3-Bereich viele Plätze frei sind; in den DRK-Kitas Eickholter Busch und Seestern wird die Gruppenstruktur "an die veränderte Bedarfslage angepasst" (S. 26). In Billerbeck ist die Lage umgekehrt angespannt: Dort nehmen Träger u3-Kinder in Überbelegung auf, um alle angemeldeten Kinder mit Rechtsanspruch versorgen zu können (S. 18). Die Instrumente sind überall dieselben - Gruppen ruhen lassen, Strukturen anpassen, im äußersten Fall Einrichtungen schließen.
Meinung
Bis hierhin ging es um Fakten und Belege. Was jetzt kommt, ist meine persönliche Einschätzung, also ein Werturteil und kein belegter Fakt. Man darf das gern anders sehen.
Zur Einordnung: Ich bin im Vorstand der Baumberger Strolche, einer Elterninitiative und einer der neun Kitas im Ortsteil Nottuln. Die anstehenden Trägergespräche über den Gruppenabbau betreffen also auch die Einrichtung, für die ich Verantwortung trage. Diesen Beitrag schreibe ich als Privatperson, nicht als Vorstand und nicht für den Verein - er ist mit niemandem abgestimmt und gibt allein meine eigene Sicht wieder. Der Text oben dokumentiert; meine persönliche Sicht steht nur hier in dieser Box.
Am Zahlenbild führt aus meiner Sicht kein Weg vorbei: Die Kinder, die 2027/28 in die Kitas gehen, sind heute schon geboren. Und zu viele freie Plätze sind nicht nur ein Planungsproblem, sondern ein finanzielles. Kitas bekommen ihr Geld über das KiBiz pro belegtem Platz; für unbesetzte Plätze gibt es abgesehen von engen Ausnahmen keine Betriebskostenförderung, die Fixkosten für Personal und Miete laufen aber weiter. Verteilt man den Mangel auf alle Einrichtungen, geraten alle gleichzeitig in Schieflage - und das trifft die kleinen Träger ohne Kirche oder Verband im Rücken zuerst. Tut man gar nichts, entscheidet am Ende das Anmeldeverhalten der Eltern, welche Kita zuerst kippt: ungeplant statt geplant, im schlimmsten Fall trifft es mehrere. So paradox es klingt: Eine geplante Schließung schützt die übrigen Kitas und damit auch die Trägervielfalt. Die Entscheidung, Kapazität in diesem Umfang abzubauen, halte ich deshalb für vertretbar - auch wenn sie eine ganze Einrichtung trifft.
Gut gemacht ist sie damit noch nicht. Die Vorlage nennt vier Kriterien für die Auswahl der Liebfrauen-Kita und legt für keines einen Beleg bei - kein Gebäudegutachten, keine kita-scharfe Auswertung, keine Anlage. Der Träger widerspricht der Vorlage öffentlich in wesentlichen Punkten, eine zweite Gesprächsrunde hat die Gemeinde selbst abgesagt. Ich unterstelle dabei keine Willkür: Nach allem, was ich sehe, wurde versucht, die Auswahl möglichst objektiv zu treffen - und jede Auswahl hätte Unmut ausgelöst, egal welchen Träger es erwischt. Mir ist auch bewusst, dass nicht alles öffentlich vorgelegt werden kann - Mietverträge, Personalfragen oder Investitionskosten gehören in den nichtöffentlichen Teil. Aber gerade dann sollte das, was sich öffentlich belegen lässt, auch belegt werden. Für eine Entscheidung dieser Tragweite ist das öffentlich Vorgelegte zu dünn.
Den Grundgedanken der UBG, auf die Trägervielfalt zu achten und sie zu schützen, finde ich richtig. Ich ziehe daraus nur einen anderen Schluss: Gerade weil die Vielfalt schützenswert ist, darf der Mangel nicht alle Einrichtungen gleichzeitig treffen. Eine Lösung ohne Schließung wäre mir lieber - ich habe nur noch keine gesehen. Es wurde über viele andere Ideen diskutiert; gefunden wurde keine, die nicht mit anderen Nachteilen einhergeht.
Beim Alten Kindergarten wurden übrigens auch Stimmen laut, die Einrichtung zu erhalten, und auch damals wurde die Prognose angezweifelt: Eltern sammelten in einer Online-Petition Unterschriften für den Erhalt (Ende April 2025 waren es 866) und hielten der Gemeinde entgegen, warum ein bestehender Kindergarten schließen solle, während anderswo neu gebaut werde (WN, 30.04.2025, S. 13). Im Nachhinein war die Schließung für die anderen Kitas wichtig: Sonst würden wir heute über zwei weitere Gruppen sprechen und hätten schon jetzt eine Überversorgung.
Schwierig finde ich, wie die Debatte teilweise geführt wird: Es wird nach Schuldigen gesucht, es werden Hinterzimmer-Absprachen unterstellt, und mit Slogans wird Stimmung gemacht.
- Leon Machens
Quellen
- Kindergartenbedarfsplan 2026/2027, Kreisjugendamt Coesfeld (Anlage 1 zur Vorlage 031/2026, SessionNet) - Kinderzahlen, Anmeldequoten, Platz-/Gruppenzahlen je Kita (S. 30-34)
- Vorlage 082/2026 "Abgestimmtes Auslaufen des Katholischen Liebfrauenkindergartens Nottuln" (SessionNet) - inkl. geändertem Beschluss vom 10.06.2026
- Niederschrift der Sitzung des Ausschusses für Bildung und Soziales vom 10.06.2026 (SessionNet, PDF) - amtlicher Beschlusstext, Abstimmungsergebnis 11:0:0
- Niederschrift der Ratssitzung vom 07.07.2026, TOP A 6.1 (SessionNet, PDF) - amtlicher Beschlusstext, Abstimmungsergebnis 33:0:0
- Ratssitzung 07.07.2026, TOP A 6.1 (SessionNet)
- Protokollerklärung der UBG-Fraktion zur Ratssitzung am 07.07.2026 (SessionNet, PDF) - Fragen für die Trägergespräche, u.a. Kreis-Förderbescheid April 2026
- Historische Bedarfsplanungen: 006/2020, 175/2020, 108/2021, 167/2023
- Präsentation des Kreisjugendamts zur Bedarfsplanung, Ausschuss für Bildung und Soziales 15.09.2021 (SessionNet, PDF) - Bedarfsprognose Ortsteile 2022/23-2026/27, Ortskern-Zusatzbedarf von zwei auf vier Gruppen
- Ältere Kreis-Bedarfspläne (Jugendhilfeausschuss Kreis Coesfeld): 2022/23 (10.03.2022), 2023/24 (13.03.2023), 2024/25 (11.03.2024), 2025/26 (13.03.2025)
- Streichung der Hummelbach-Erweiterung (2 Gruppen): Kreis-Sachstandsbericht Kindergartenbedarfsplanung 25/26, JHA 25.11.2024 (SV-10-1334, Kreis-SessionNet, PDF) und Niederschrift Ausschuss für Planen und Bauen 19.11.2024 (SessionNet, PDF) - Streichungsbeschluss 11:0:0
- Vorlage zur Nachnutzung Kastanienplatz 11 (SessionNet)
- Amtsblatt der Gemeinde Nottuln Nr. 10/2026, S. 84-85 (PDF) - Bekanntmachung der öffentlichen Auslegung zur 7. Änderung des Bebauungsplans Nr. 68 „Stiftsgärten" (Umnutzung Alter Kindergarten Kastanienplatz zu Verwaltungs- und Gemeinbedarfseinrichtung)
- Anlagen zur Ausschusssitzung 04.06.2025 (Kreisjugendamt): Gesamtgemeindegebiet (16 Folien) und Ortsteil Nottuln (6 S., Grundannahmen + Bedarfsprognose bis 2029/30)
- UBG Nottuln: Facebook-Post vom 06.07.2026 und Stellungnahme "Liebfrauen Kita"
- § 3 SGB VIII (Trägervielfalt)
- WN, 09.07.2026, S. 15 (Ratsbeschluss 07.07.: Protest, einstimmiger CDU-Antrag, Rulle-Kritik gegen Thönnes, Caßens "Etappensieg"; dazu WN-Kommentar "Porzellan zerschlagen": Verwaltung am Wie gescheitert); WN, 07.07.2026, S. 13 (Elternbeirat vor der Ratssitzung, "vier Plätze frei") und "UBG fordert Alternativen zur Schließung"; WN, 12.06.2026, S. 1+17 (Vorlage, Mahnwache, Ausschuss); WN, 13.06.2026, S. 18 (Träger wehrt sich); WN, 10.07.2025, S. 13 (Ratsbeschluss Alter Kindergarten); WN, 30.04.2025, S. 13 (Elternprotest gegen Schließung Alter Kindergarten, Online-Petition mit 866 Unterschriften); WN, 22.03.2025, S. 15 (DRK-Schließungsankündigung); WN, 22.11.2024, S. 1 (Streichung der Hummelbach-Erweiterung im Etat 2025); WN, 27.10.2025 (Eröffnung Hummelbach)
- Bebauungsplan Nr. 161 "Niederstockumer Weg", Satzungsbeschluss mit Begründung (Vorlage 175/2022/4, SessionNet)
- Bistum Münster, "Neue Trägerstruktur für katholische Kindertageseinrichtungen" (01.10.2025)